Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Mauersegler
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 16. April 2018, 16:17

Kaum zu glauben, dass du noch fliegst, du musst ja Nerven haben wie Drahtseile. War seit letztem Jahr nie mehr unter dem Schirm. Im Unterschied zu dir dachte ich immerzu an den Notschirm. Weil ich immerzu denke, es könnte auch mir mal was passieren. Passiert ist dann aber nie was, vermute aber, dass ich in solch starken Bedingungen nie startete oder schon längst in der Luft war.

Marc
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 17. April 2018, 15:37

Das mag gerade das Problem sein. Wenn Du nach einem Unfall (egal wo, kann vom Biken, Motorrad über Auto bis eben Gleitschirm sein) "zu" lange Pause machst oder nur noch daran rumdokterst wie man das denn irgendwie vermeiden könnte, dann bist Du vom Kopf her so blockiert, dass das je länger eher schlimmer statt besser geht. Beim Reiten sagt man wohl, dass man so schnell als Möglich wieder in den Sattel soll, wenn einem runtergeschmissen hat - irgendwie scheint das auch bei vielen anderen "Sport"Arten die Beste Lösung zu sein.

Soll ja nicht heissen, dass man sich hirnlos gleich den nächstbesten Abhang runterstützt und schaut ob das auch Barfuss mit einem Stacheldraht-Zaun vorne dran und Rückenwind noch gut gehen könnte, aber "gute" Flugtage gibt es ja genug und selbst mitten im Hochsommer kann man Morgen- und Abendflüge machen bei denen selbst Fluganfänger unter einem Leistungsschirm nicht vor unlösbare Aufgaben gestellt werden.

Bin sicher nicht der Sicherheits-Spezialist, aber wenn Du nur noch auf den Notschirm vertraust, setzt Du auf das falsche Pferd. Der Notschirm braucht, selbst frisch gefaltet und blitzschnell gezogen, noch eine gewisse Weile bis er komplett offen ist, zudem wirst Du ohne den Hauptschirm einzuholen immer eine Scherstellung haben welche zu Pendeln (teils heftig) oder Schärstellung und somit erhöhtem Sinkverhalten führt. Als "letzte Lösung" sicher geeignet um das allerschlimmste abzuwenden, aber "einfach eine Möglichkeit" mal anders zu landen wohl eher nicht. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann hätte Dir der Notschirm sowieso nichts genützt (zu wenig hoch beim Landeanflug), die einzige Möglichkeit hier noch durchzukommen ist ein sensibles Händchen damit der Schirm nicht stallt oder eben (was in vielen Fällen besser ist) bei unsauberen Bedingungen gänzlich auf Top-Landeversuche zu verzichten (war bei uns in der Flugschule verboten - angesichts meines Abgangs ist auch klar wieso man es vermeiden sollte bei thermischen Bedingungen mit Lee-Tendenz einzulanden).

Musst damit klarkommen, dass DU ganz alleine einen (wenn nicht mehrere) Fehler gemacht hast, wenn Dir das mal klar wird, kannst Du immer noch entscheiden ob du mit dem Restrisiko umgehen kannst oder nicht. Und wie erwähnt: mal einfach paar schöne Gleitflüge (die grossen Hochdruck-Gebiete mit Inversionen kommen im Sommer bestimmt, das lässt sich perfekt nutzen um sich wieder sicherer zu fühlen) haben noch keinem geschadet, wenn die Kollegen halt die Köpfe in den Wolken haben und reihenweise Toplanden muss man auch mal die Grösse haben und sagen können "das ist mir heute zu blöd", irgendwann kommt das dann vermutlich auch mal wieder von selber und dann sieht man wieder, dass das durchaus möglich, aber eben nicht bei allen Bedingungen angebracht ist.

Kannst es ja mal testen: schraub den Notschrim raus und mach einen Gleitflug - wirst schnell mal merken, dass man das Ding im Grunde gar nicht braucht und es eben die falsche Einstellung ist darauf zu vertrauen das der die Kolen aus dem Feuer holt, wenn man es mal wieder übertrieben hat. Wenn man es so nimmt, dann braucht es keinen Mut oder Coolness sondern einfach nur ein gewisses Mass an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem Wissen, dass immer etwas schief gehen kann - nur (hoffentlich!) selten 2x beim selben Piloten. Wie gehabt: das Dir das nochmal passiert, ist doch eher nicht anzunehmen, rein statistisch bist Du gegenüber allen anderen welche es noch nicht runtergehauen hat, somit schon mal massiv im Vorteil :mrgreen:

Marc
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 23. April 2018, 07:47

Am Samstag (21.4.) war mal wieder ein Mega-Flugtag. War seit Mitte Oktober nicht mehr in der Luft und hatte etwas Bedenken, aber...2 saubere Rückwärtsstarts, 2 Punktlandungen (Schule hatte einen schönen Kreis ausgelegt :mrgreen: ) nach 1.20h bzw. knapp 2 Stunden und dazu 800 Meter Startüberhöhung. War unten zwar ein bisschen ein Gewürge (etwas zu stabil), aber oben war es teilweise praktisch gratis, konnte noch selten so lange schöne Kreise mit regelmässigen Piips vom Vario fliegen. Teilweise halt leichtes Geschaukel weil unten leicht Nord-Ostwind drin war, in der Mitte praktisch Nord und oben (Säntis-Kette) dann doch irgendwie schon leicht Südwest (hat man beim Rückflug vom Säntis Richtung Kronberg gemerkt, 52 Km/h auf dem GPS ohne Beschleuniger, etwas weiter unten war man froh noch 30 Km/h hinzubekommen). Bei der Hügelkette weiter vorne (Richtung Bodensee) hat man den Nord (oder Nord-Ost, ist schwierig zu sagen weil der um die Hügel rumläuft) dann ordentlich gemerkt, da war teilweise noch 14 Km/h Grundspeed auf dem GPS :shock: - im Grunde also Bedingungen welche nicht "ganz sauber", aber in dem Fluggebiet problemlos fliegbar sind (ist halt Frühjahr, hat ja auch den Vorteil, dass es dafür mal ordentlich rauf geht - wobei max. 2.7m Steigen maximal jetzt noch lange nicht beängstigend ist).

Kurz: ein Flugtag der mal wieder zeigt, dass es sich lohnt dran zu bleiben und dass man auch nach 6 Monaten Flugpause noch einigermassen ein Händchen hat (nur Muskelkater hab ich in den Armen und bisschen verspannter Rücken, war dann ganz oben doch relativ frisch mit der Zeit). Somit: nicht verzagen sondern Fliegen gehen, manchmal (oft) wird es besser als man es erwartet hätte :lol:

A Propos: hab (auch wegen dem Beitrag hier) mal im Flug wieder kurz an den Notschirmgriff gegriffen. Was soll ich sagen? No way das Ding auf den ersten Griff vernünftig in die Finger zu bekommen (hab ein Advance Success 3, sonst nicht gerade bekannt als schwierig für die Notschirm-Auslösung - liegt somit klar an mir und nicht am Material). Rechnet man jetzt, dass man unkontrolliert durch die Gegend geschleudert wird und somit hohe Fliehkräfte dazu kommen, dann erstaunt nicht, dass es eben ab und zu Abgänge gibt wo die Leute den Notschirm nicht ziehen. Nicht nur weil sie es nicht wollen oder schon zu tief sind, sondern weil es nicht einfach ist das Ding so überhaupt vernünftig in die Finger zu bekommen wenn man selber kaum mehr weiss wo oben und unten ist (rausziehen und "in den freien Raum werfen" ist dann noch eine andere Geschichte - da wäre dringend mal ein Notschirm-Training angesagt wo man das "in echt" üben kann). So gesehen vielleicht doch mal eine Überlegung wert mal wieder den Gedanken an einen Front-Container zu verlieren, da kommt man mit beiden Händen ran und das Ding ist immer in Sichtweite. Hatte ja so ein Teil nach meinem Unfall mal für kurze Zeit (hat mich aber dann eben doch genervt, weil noch mehr gefummel vor dem Bauch rumbaumelt), aber ein für den Kopf und vermutlich eben auch für "echte Sicherheit" scheint mir das doch eine ganz vernünftige Lösung zu sein.

Besser natürlich man braucht das Ding gar nie - aber das hat mit dem Kopfkino wenig zu tun und vor allem von der Seite her scheint es ja ein Problem zu geben.

Freue mich schon auf die nächsten Flüge und hoffe es dann mal wieder durchziehen zu können mit etwas weiteren Distanzen (hatte keinen Bock irgendwo abzusaufen, gibt noch ziemlich viel Schnee in den Bergen, das könnte ganz schön blöd werden, wenn man da irgendwo runter muss und dann vor lauter Schnee nicht mehr weiter kommt - auf dem Säntis soll es ja noch um die 5 Meter Schnee haben :roll: )

Auf eine erfolgreiche Saison mit vielen tollen Flügen!

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