Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Mauersegler
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Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 9. Februar 2018, 11:08

Vor etwas mehr als zwei Jahren wollte ich toplanden, war etwas zu hoch, runterpumpen wie schon oft gemacht. Dann erwischte mich in ca. 6 Meter Höhe eine Böe von oben/hinten und ich schlug hart auf. Resultat war eine Kompressionsverletzung der Lendenwirbel. Unfallanalyse ist klar, kann passieren. Aber die Sicherheit, die ist seitdem weg. Wem geht es ähnlich?

Marc
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 14. Februar 2018, 08:17

Vor knapp 20 Jahren mit Hochleister (+ zusätzlich montiertem Trimmer) bei (zu) viel Wind im Jura in eine Lee-Turbulenz geflogen, Schirm mit 150 Meter über Grund (stand so jedenfalls in der Zeitung) zu 70% geklappt, Mehrfachtwist. Konnte ent-twisten und den Schirm öffnen - und dann war der Boden da. Mehrfachbruch vom Unterschenkel, Beckenbruch, Lendenwirbelbruch, zwei Rückenwirbel gebrochen, mehr oder weniger alle Rippen auf einer Seite gebrochen (war ja sozusagen im 360er - mit -20m/s), Lunge kollabiert :cry:

3 Monate Reha samt Rollstuhl, dann nochmal 3 Monate Krücken. Was mich anfangs am Meisten gestört hatte, war die Tatsache, dass die Rega den Tragegurt vom Gurtzeug zerschnitten hatte :oops: (frag mich keiner nach der Logik, wäre heute wohl das letzte meiner Probleme)

Schon klar: zu viel Wind, falsche Einstellung vom Bauchgurt (hat dauernd alles geklappt, also hatte ich den Beckengurt zugezogen - was den Twist deutlich erleichterte) und dazu noch zu weit ins Lee geflogen - irgendwann kann das Material dann auch nicht mehr viel dafür (OK, der Schirm selber war jetzt auch nicht gerade für Zartbeseitete, 2 Wochen zuvor hatte ich im Wallis damit einen Höhenverlust von fast 1000 Meter bis ich das Ding wieder irgendwie über dem Kopf stabilisieren konnte - ist schon faszinierend, wenn man im Sitz sitzt und dem eigenen Schirm plötzlich vor sich auf das obere Flugtuch sieht während gefühlte tausend Flugleinen ohne Zug kreuz und quer ums Gurtzeug "segeln", zeigt aber auch, dass es Flugzustände geben kann welche sich selbst bei mutwilligsten Sicherheits-Test-Flügen nicht nachproduzieren lassen). Hatte da den Griff vom Notschirm auch schon in der Hand, aber nicht geworfen, weil unten dran eine Travo-Station stand :roll: (mit ein Grund, wieso ich jetzt einen steuerbare Notschirm habe).

Bin noch mit den Krücken dann kurzfristig mit einem ausgeliehenen Schulschirm geflogen (war vor allem einfacher zu starten, konnte ja nicht laufen ohne Krücken) und hatte mir ein neues Gurtzeug mit Front-Container-Notschirm zugelegt (war rein psychologisch bedingt, hatte nicht eine Sekunde daran verschwendet den zu ziehen als ich meinen Abgang hatte -was eben auch daran liegen kann, dass man das Teil schon gar nie sieht wenn's im Gurtzeug ist). Kaum Später dann auf einen "freundlicheren" DHV Schirm umgestiegen (Swing Astral, wäre nach heutigen Massstäben wohl auch schon wieder ein C-Schirm?) und doch wieder ein Gurtzeug mit integriertem Notschirm genommen, das Gefummel mit dem Front-Container wurde mir dann doch zu blöd.

Dazu nur noch in "absolut sauberen" Bedingungen geflogen, da halte ich mich auch noch heute (wie erwähnt über 20 Jahre danach) dran. Wenn's irgendwie "komisch" ist, dann lass ich es bleiben, auch wenn ich mittlerweile (nach 2 High-End B Schirmen) in der Mittel-B-Mittelklasse angekommen bin. Komme leider auch nur selten zum Fliegen (früher über 100 Flüge pro Jahr in allen erdenklichen Bedingungen, mittlerweile bin ich schon glücklich wenn's für 30-50 Flugstunden, das sind um die 20-30 Flüge, pro Jahr an schönen Flugtagen, reicht). Nebenbei: fliege trotzdem weiter (und auch länger) als früher, da sieht man schon, dass seitens Material viel gegangen ist. Manchmal fehlt mir bisschen das feine Feeling vom Hochleister (oder auch High-End B) den man wirklich "mit einem Finger" steuern konnte, aber wenn's dann wieder satt in die Thermik geht, bin ich doch froh um einen Schirm den man einfach mal fliegen lassen kann (was nicht heisst, dass man sich damit immer super fühlt, hab auch schon die grossen Ohren reingeknallt und auf den Beschleuniger getreten bis ich am Boden gestanden bin und hab den Kram weggeräumt, gibt einfach Tage, da gibt's der Kopf nicht her, wenn's schaukelt).

Was ich wichtig finde: das man weiss wieso es einem zerlegt hat (das im Wallis bin ich heute noch nicht ganz sicher, muss aber irgendwie eine Art Lee gewesen sein wo dann noch der Talwind ins Spiel gekommen ist, konnte "gerade" so ohne Rückwärts zu fliegen landen obwohl ich sicher 10-15 Kilo Balast dabei hatte und bis am Boden den Beschleuniger voll durchgetreten habe, zum Glück war der Wind auf den letzten Metern zum Boden dann einen Hauch schwächer, sonst hätte es eine Landung mit Rückwärts-Fahrt gegeben). Wenn man weiss was passiert ist, kann man sich darauf einstellen, z.B. mag es nicht jeder Schirm "runtergepumpt" zu werden und Toplanden mit wechselnden Windverhältnissen war wohl auch keine so gute Idee. Somit: Bremsen etwas sorgsamer behandeln (hab den Landeplatz auch schon um phänomenale 200 Meter verfehlt :lol: , immer noch besser als mit Rückenwind oder eben Strömungsabriss aufzuschlagen) und bei wechselnden Windverhältnissen auf Top-Landings verzichten - und schon ist man wieder "Safe" unterwegs. Wenn der Kopf wirklich nicht mehr mitmachen will, kann Wechsel vom Material helfen (einen A-Schirm bekommt man vermutlich gar nicht gestallt - oder nur mit mehreren Wicklungen um die Hand) und ein noch fetterer Protektor (oder anderes Gurtzeug, gibt leider zertifizierte welche so unglücklich gebaut sind, dass trotzdem noch Schwachstellen übrig bleiben) kann natürlich auch helfen.

Flieg einfach mal wieder ohne Thermik (reiner Gleitflug) und taste Dich langsam wieder ran, dann passt das auch wieder mit dem Feeling . Auch klar: mal einen Sicherheitskurs (oder Weiterbildung bei Flugschule / Flugferien in einfachen Fluggebieten) kann auch helfen, wäre auch bei mir mal wieder fällig (hab ich mit meinem aktuellen Schirm noch nie gemacht, aber wie erwähnt... bei den paar Flugstunden pro Jahr noch SIKU und dann Verzicht aufs Fliegen weil Notschirm getrocknet und neu gefaltet werden muss, ist eben auch mühsam - wäre aber seitens Sicherheit sicher eine gute Investition).

Na dann - hoffe das gibt sich wieder (nebenbei: wenn Du es mal paar Jahre ruhig angehen lässt, macht das ja auch nichts, dem Material ist es auch egal wenn's schön trocken im Keller liegt). Manchmal braucht der Kopf einfach bisschen länger, das ist bei vielen Unfällen so (bin lange auch Motorrad gefahren, ist das selbe Problem, wenn man da abgeschossen wird - wobei man dagegen nicht viel selber tun kann ausser das Motorradfahren ganz zu lassen, da kann man beim Fliegen mit adäquatem Material, passenden Fluggebieten und vernünftigem Wetter doch schon sehr viel mehr beeinflussen ).

Na denn - auf eine schöne, unfallfreie, Saison 2018!

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 18. Februar 2018, 08:26

Auf das läuft es raus. Mache seit einem Jahr etwa vormittags nur noch Abgleiter, bin manchmal am Übungshang und versuche es wieder hinzukriegen.
:roll:

Marc
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 20. Februar 2018, 09:23

Wird schon wieder, zumal es bei Dir ja nicht während des Fliegends sondern am Start ein Problem gegeben hat. Einfach Startplätze wählen wo es nicht diese Mega-Ablösungen gibt (schöne Wiese ist auch besser für den Kopf als irgendwelche Fels-Landschaften wo man sich schon weh tut, wenn man nur aus dem Stand "hinfällt") und schon sieht das Leben wieder ganz anders aus. Und wie erwähnt: für dich wäre ein Sicherheits-Training vielleicht was, da kann man mal mit sehr viel Luft (und Wasser) unter den Füssen mal testen was es braucht, bis ein Schirm wirklich Mist baut (ist zumindest im Mid-B-Sektor ziemlich viel und lässt sich in der Regel mit genug Höhe locker in der Griff bekommen). Start ist halt immer heikel, selbst ein super stabiler Schul-A-Schirm hilft da nicht weiter, wenn er nicht sauber über dem Piloten steht oder man bei einer Ablösung (bis hin zu einem Dust-Devil) unkontrolliert ausgehebelt wird.

Das Problem lag ja (unter anderem) an zu wenig Höhe, wenn Du deutlich mehr hast, hast Du einerseits mehr Zeit den Schirm wieder unter Kontrolle zu bekommen bzw. wenn's ganz arg wird eben den Notschirm zu ziehen. Hilfreich könnte auch ein Fluggebiet mit laminarem Wind sein (z.B. Küsten-Fluggebiete) da kann man auch mal fliegen wenn der Wind bei uns eigentlich schon weit über dem Limit (für Normalflieger, Profi-Wettkampf-Piloten sind da oft noch lange in der Luft) ist - wobei das Problem auch da halt beim Start ist, denn wenn der Schirm nicht sauber startet (ich hab die Kobra-Technik leider auch schon lange wieder verlernt, müsste da unbedingt wieder ran, wenn's mal in Starkwindgebiete geht), dann kann das ins Auge gehen. Sind ja immerhin gegen 30 m2 welche da im Wind stehen, beim Kiten reicht schon ein Drittel um sich je nach Windstärke 10-20 Meter in die Luft zu schiessen, da sollte man schon ziemlich genau wissen, was man macht, wenn bei der Landung nicht Wasser den Einschlag bisschen abfedert.

Oft zum Übungshang ist auf jeden Fall eine gute Idee (und eben: nicht nur wenn der Wind schön frontal säuselt sondern auch wenn's etwas "tricky" wird), bin sicher, dass Du das hinbekommen wirst. Und wie erwähnt: das Problem war ja der Start, sobald Du weg vom Starthang bist (hast ja schnell gut 50 Meter Höhe über Grund, das reicht schon um den Notschirm zu schmeissen), bist Du hier im Grunde schon fast save, da steht einer coolen Flugsaison im Grunde nichts im Weg.

Na dann - auf kommendes schönes Flugwetter (im Moment leider nicht so prickelnd, war auch seit September nicht mehr in der Luft).

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Renée » 22. Februar 2018, 08:44

Was für Spitzensportler selbstverständlich ist, würde jedem Sportler nach einem Unfall gut tun.
Wie kommt man zu so einem "richtigen Mentalprogramm" für die Athleten?
Das ist eine gute Frage.
Eigentlich gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Der Athlet hat einen eigenen Mentaltrainer für sich. (Im Spitzensport so üblich.)
Wenn dabei mit dem "Sporttrainer" zusmmengearbeitet wird, bringt es noch zusätzliche Vorteile.
Die "kleine Variante" dazu ist, ein zeitlich begrenztes Coaching zu absolvieren. In den meisten Fällen erzielt man schon nach 8-12 Mental-Coachingseinheiten (ca. 1 Stunde wöchentlich) schon ungeahnte Ergebnisse. Danach kann der Athlet diese Techniken selbständig für sich anwenden.
2. Der Trainer vermittelt neben dem "reinen Sporttraining" auch Mentaltrainings-Kenntnisse und baut sie in das Training mit ein. Das ist eine gute Möglichkeit für die Sportler und Vereine, die nur begrenzte Mittel zur Verfügung haben.
Der Trainer muss dazu keine komplette Mentaltrainerausbildung machen.
Das Basiswissen, das dazu erforderlich ist, kann oder der Athlet oder der Trainer in einem guten Seminar oder in einem Coaching erwerben.
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 27. Februar 2018, 12:01

Wenn ich mal einen Mental-Trainer benötige damit ich überhaupt wieder unter einem Gleitschirm hängen kann, dann lass ich es und such mir mit der Kohle ein anderes spassiges Hobbi. Schon klar: Spitzensportler welche mit dem "Beruf" ihren Lebensunterhalt verdienen, die haben kaum eine andere Wahl (die können ja nix anderes :evil: ) aber statt Gleitschirmfliegen kann man auch Segeln, Motorboot/Wasserki fahren, Kiten/Windsurfen gehen, Biken, Motorradfahren, Wandern, Klettern, Joggen und noch vieles mehr in der Natur - oder sich auch zu Hause am PC vergnügen, Hauptsache es macht einem Spass.

Ist ja das schöne an einem Hobbi - ist nur ein Hobbi. Man braucht weder das neuste Material noch muss man es machen wenn man keine Lust dazu hast oder es einem "verleidet", man kann beim "Schirmlen" auch einfach nur morgens früh einen Abgleiter machen und Freude an der schönen Aussicht haben oder nur eine Hand voll Flüge pro Jahr machen statt pro Tag - blöde Sprüche von "Kollegen" kann man da locker wegstecken wenn die anderen nur noch mit der Hand am Notschirm durch die Gegend fliegen weil's so brutal bockig ist. Ich geh auch nur fliegen wenn's die Zeit zulässt und das Wetter (zumindest voraussichtlich) wirklich gut ist, hab sonst -siehe oben- genug Möglichkeiten die Freizeit totzuschlagen :mrgreen:

Bin auch eine Zeit lang wenig (bis gar nicht) geflogen, aber das war einige Jahre nach dem Unfall. Hatte einfach Lust mehr mit meiner Frau zu machen welche nichts mit Flugsport anfangen kann, sind deshalb paar Jahre lang mit Reiseenduros unterwegs gewesen und haben so unsere Ferien mit Reisen verbracht, hat auch Spass gemacht. Wegen Kids wollte meine Frau dann nicht mehr in Afrika rumdüsen (und sich auch nicht von irgendwelchen Spinnern auf der Strasse abschiessen lassen), weshalb die Moppeds verkauft und wieder ein Gleitschirm zugelegt wurde.

Soll nicht heissen, dass ein Mentalprogramm nichts taugt, aber eher nicht für die grosse Mehrheit welche nur einfach Spass an einer netten Freizeitbeschäftigung hat. Irgendwas "erzwingen" wird kaum eine vernünftige Lösung sein, sobald das Verlangen in die Luft zu kommen wieder grösser ist als allfällige Bedenken ergibt sich das ganz von alleine.

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 27. Februar 2018, 15:05

Ich finde einen Mentaltrainer gar nicht abwegig, wenn ich den richtigen fände, aber das ist etwa so einfach wie den richtigen Partner zu finden. Auch an Hypnose habe ich schon gedacht, denn ich möchte ja wieder richtig fliegen. Aber sobald ich einen kleinen Heber wie letzten Samstag verspüre, muss ich landen.

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 1. März 2018, 15:13

Das ist natürlich übel und vermiest einem das Fliegen.
Aber: Wie du bereits erwähnt hast, war das ein Problem beim Start, nicht (nie) beim Fliegen selber (blöd gesagt: es ist der Boden der weh tut - und je weiter Du von dem weg bist, desto weniger Probleme sind von der Seite her zu erwarten).
Brauchst Dir somit gar nichts einzureden und auch weder Pillen noch irgendwelche Trainer - sobald Du "in der Luft" bist, bist Du im Prinzip schon aus dem Schneider. Schon klar: wenn man's selber nicht erlebt hat, hat man gut reden :oops:
Problem ist somit der Start - und die Startbedingungen lassen sich ja recht gut einschätzen, zudem kannst Du am Übungshang so viel üben bis auch das dumpfe Bauchgefühl nach dem Auspacken (hab ich beim Erststart übrigens auch, wenn's nicht gerade windstill ist und ich monatelang nicht in der Luft war) völlig weg ist und man sich nur noch freut wieder in der Luft zu sein.

Blöder ist es, wenn's einem irgendwo auf freier Wildbahn den Schirm um die Ohren haut und man nicht weiss wieso (vermutlich irgendwie Mix aus Thermik mit Höhenwind und irgendwo dazwischen noch eingelagerter Talwind - natürlich alles aus völlig unterschiedlichen Richtungen), aber das scheint ja Dein Problem nicht zu sein.

Nebenbei: gratuliere zu einem Flug in dieser Jahreszeit, mir wäre es (deutlich!) zu kalt, ich bleib da lieber beim Snowboarden oder geh zur Abwechslung mal auf Skitour :mrgreen: (Wetter am Samstag war in Elm sensationell, ist länger her, dass ich auf über 2'000 Meter nur in einem dünnen Pulli geschwitzt habe). Wie gesagt: schön, wenn man viele Hobbies zur Auswahl hat.

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 3. März 2018, 14:45

Ne, Marc, das Problem geht tiefer, ich habe das Vertrauen verloren, dass ich den Flügel immer und überall beherrschen kann. Fakt ist, dass mir beim Landen, genauer beim Top-Landen, die Strömung plötzlich abriss ohne einen Fehler gemacht zu haben. DAS geht tief.

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 5. März 2018, 08:21

Versteh ich. Allerdings muss man wohl auch damit leben können, dass man einfach nicht alles immer "beherrschen" kann, ein gewisses Mass an Risiko (auch wenn das im Normalfall beim Fliegen eher tief ist) muss man akzeptieren können. Man kann das mit genauer Flugwetterprognose, Fluggebiet, entsprechendem Flügel und viel Training natürlich extrem tief halten, aber Null gibt es beim Fliegen genausowenig wie beim Freeriden, beim Wellenreiten, beim Biken oder sogar bei der Anfahrt im Auto zum Fluggebiet.

Und: Strömungsabriss ohne was zu machen gibt es nicht, musst damit leben, dass Du den Flügel "in genau der Situation" selber gestallt hast (ob man "den Teil vom Risiko" mit mehr Übung hätte vermeiden können, kann ich nicht beurteilen - wie oben erwähnt bleibt einfach immer irgendwo ein minimales Restrisiko hängen).

Versuch es doch mal anders zu sehen: einmal ist es schief gegangen - ist blöd, ärgerlich, tat weh und ist mühsam zu verarbeiten.
Und wie viele schöne Flüge hast Du gehabt: hunderte? in Bedingungen wo andere auch schon lange am Boden geblieben sind, wo es geschaukelt hat ohne Ende, der Schirm geklappt hat (was zum Glück bei neueren Schirm mit ein wenig Piloten-Unterstützung kaum mehr eine Kursabweichung gibt) und es auch schon nur schwierig war irgendwie den Schirm beim Start in die Luft zu bekommen? Wie viele Flüge waren einfach nur super schön, in traumhafter Thermik, hunderte von Metern über den Berggipfeln, mit Aussichten welche man einfach nur beim Gleitschirm-Fliegen haben kann? (Flugzeug ist natürlich auch nett, aber halt was anderes wenn der Motor dröhnt und man nur ein Guckloch hat).

Kurz: Gründe wieder zu Fliegen gibt es genug. Und wie erwähnt: vielleicht braucht der Kopf einfach noch bisschen länger, lass Dir Zeit, mach vielleicht eine Weile was anderes, dann kommt das schon wieder gut. Und eben: ein SiKU wäre sicher auch was, da sieht man wie viel es eigentlich braucht um einen Schirm "zu killen" - und wie schnell (mit Training und Anleitung) man den Schirm wieder unter Kontrolle bekommt. Auch nett natürlich, wenn man mal den Notschirm über sich gesehen hat, mir selber hat das Massiv Vertrauen gegeben (auch wenn das natürlich keine Lösung ist auf den Notschirm zu vertrauen, das soll wirklich die letzte Möglichkeit sein noch halbwegs heil wieder unten anzukommen).

Noch paar Wochen, dann gibt es wieder Flugwetter. Hoffentlich fängt es eher zaghaft an, denn nach monatelanger Flugpause hab ich auch keine grosse Lust auf Rock-n-Roll gleich nach dem ersten Start.

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 6. März 2018, 10:45

Abwarten und Tee trinken? Parawaiting in extenso?

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 7. März 2018, 07:53

Genau - und zwar so lange bis das "ich will jetzt unbedingt wieder in die Luft" grösser ist als das beklemmende Gefühl im Bauch welches einem sagt das man sowieso gleich nach der ersten Bremsenberührung beim Landen wieder im Spital liegt.

Und wie erwähnt: Fliegen kannst Du, der Schirm tut es auch - das es nun 1x wirklich blöd gelaufen ist, ist einfach Pech (zusammen mit sehr schwierigen Verhältnissen am Startgelände und einem Piloten-Fehler sowie einer sehr unglücklichen Positionierung des Schirms beim Toplanden - im Grunde so viel "falsch" zusammen, dass man sich da sogar mutwillig richtig viel Mühe geben muss um so eine Situation noch einmal nachzustellen). Gibt es leider ab und zu und endet in den wenigsten Fällen übel, zudem kann man es mit geeignetem Startgelände und "vernünftigen" Bedingungen sowie etwas zurückhaltenderem "Runterpumpen" auf ein Niveau senken welches selbst Fluganfänger vor keine unlösbaren Aufgaben stellt.

Braucht wohl einfach etwas mehr Zeit als Du Dir eingestehen willst. Da Du aber ja immerhin schon wieder in der Luft warst, braucht es wohl nur ein paar wirklich coole Flüge bis sich das von alleine erledigt. Wie lange es dann dauert bis man wieder easy Toplanden kann, ist eine andere Frage, aber das ist ja kein "Muss" und wenn nicht so viele miese Faktoren zusammenkommen sowieso problemlos, also kein Grund es nicht an einem perfekten Flugtag mal wieder zu versuchen.

Und wie schon anfangs beschrieben: wenn es zu mühsam wird mit warten und Du beim Fliegen bleiben willst, kann Wechsel vom Material Abhilfe schaffen. Schau doch, dass Du günstig für eine Saison (oder auch nur paar Flüge, z.B. von einer Flugschule) einen reinrassigen Einsteiger-A-Schirm bekommst und falls nötig ein Gurtzeug mit fettem Rückenprotektor der das Verletzungsrisiko auch bei richtig heftigen Flugfehlern nochmal etwas runterschraubt. Macht vielleicht etwas weniger Spass als das aktuelle Material, ist aber fürs Kopf-Kino extrem wohltuend. Damit fliegen Leute welche noch nie unter einem Schirm gehangen sind, da kann man (vernünftige Bedingungen natürlich vorausgesetzt) im Grunde nichts verbocken, selbst wenn man sich seitens Reaktion mal wirklich übel verschätzt.

Lösen können andere dein "Problem" wohl nicht, aber Du hast ja nach Erfahrungen gefragt - und da kann ich (leider!) ein bisschen mitreden (wie erwähnt hatte ich von DHV3 auf DHV2 zurückgestuft und ein Gurtzeug mit fettem Rückenprotektor und Front-Notschirm, hat mir selber extrem geholfen - zumal der neue DHV-2-Astral seitens Leistung dem alten DHV-3er in nichts nachgestanden ist und heute sogar Schulschirme eine ähnliche Gleit- und Steigleistung bringen).

Freue mich schon auf die ersten Flugtage in der neuen Saison, hatte dieses Jahr leider mehr Pause als ich es gerne habe (zu viel Arbeit und zu viel familiäre Angelegenheiten, zudem waren nur wenige Wochenenden schön - und da war ich meist auf Ski oder Snowboard mit den Kids unterwegs). Du scheinst zeitlich weniger ausgelastet und hast mehr Zeit zum Fliegen, das sind doch schon mal gute Aussichten auf eine erfolgreiche und schöne Flugsaison.

Na dann - happy Landing!

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 7. März 2018, 21:34

Danke Marc

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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Mauersegler » 7. April 2018, 08:27

Marc
Dass du heute noch fliegst, kann ich bei deinen Zwischenfällen kaum nachvollziehen. Ich denke jetzt schon daran meine ganze Ausrüstung zu verkaufen. Natürlich mit der Option mit neuem Material einmal später wieder zu beginnen.
Hast du bei deinem Unfall im Jura nie daran gedacht den Notschirm zu ziehen?

Marc
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Re: Wie hast du deinen Unfall verarbeitet?

Beitrag von Marc » 16. April 2018, 14:55

Leider nein.
Gemäss Zeitungsberichten, gestützt auf die Flugschule welche zur selben Zeit am Schulen war (haben aber gerade Pause gemacht, weil die Ablösungen sehr heftig waren, noch bevor man sich beim Rückwärts-Start wieder nach vorne gedreht hatte, war man 20-30 Meter hoch über dem Startgelände) war ich rund 150 Meter hoch, leicht im Lee und zu weit "hinter" der Abrisskante (Leeturbulenzen und vermutlich durch Wind ein grosser Wirbel von der Thermik der vorne liegenden Felswände). Statt nur mal wieder gut geschüttelt zu werden wie das 100 Meter weiter vorne der Fall war, war das für den Hochleister zu viel, 70% der Fläche waren innerhalt Bruchteilen von Sekunden komplett weg, der Schirm stellte sich komplett auf die Nase (Sinkgeschwindigkeit >20 Meter pro Sekunde) und weil ein Teil des Schirm eben zu, aber der Bauchgurt etwas heftig zugezogen war (eben: weil's vorher schon gerüttelt hat ohne Ende) hat das zu einem sofortigen Mehrfachtwist mit gefühltem "Freien Fall" Richtung Boden geführt.

Hier wäre eigentlich der Fall klar und man würde den Notschirm ziehen. Würde. Wenn man aber locker im Sitz sitzt und der Schirm "schön" (wenn nach Stabilisierung auch in heftiger 360er Spirale) fliegt, denkt man sich mal eben nicht viel böses, enttwistet schon mal den Schirm (also: der Schirm bleibt, nur der Pilot dreht sich paar Mal wie er wieder "in Flugrichtung" mitfliegt) und stabilisiert dann auf der Bremse. Dauert ja nur paar Sekunden. Nun - paar Sekunden zu viel, weil dann die verbleibenden 150 Meter Höhe nämlich weg sind, aber der Boden da ist.

Konnte zwar den Schirm noch etwas aus dem Mega-360er rausholen (Schirm etwas flacher bremsen), aber die hohe Vorwärtsgeschwindigkeit verbunden mit dem Drehimpuls (dürften so 60-70 Km/h gewesen sein, zudem Sinkgeschwindigkeit von noch gegen 10 m/Sekunde) liess sich dann natürlich mit gestrecktem Kurven-Innenbein nicht bremsen. Impuls geht somit über Schirmbein-Knie-Oberschenkel direkt aufs Becken und die Lende schlägt kurz danach voll auf dem Boden auf, mit dem Abgang dann noch Überschlag, mit kollabiertem Lungenflügel. Oberschenkelfraktur wird dann nett mit Splitterbruch umschrieben, gemäss Arzt liess sich im Bericht ja nicht schreiben, dass es ausgesehen hat als ob ne Bombe explodiert wäre. Immerhin scheint der Helm doch einiges abgefedert zu haben (war gebrochen), paar Meter weiter und Steine am Startplatz paar Zentimeter grösser, hätte das Ganze noch viel übler ausgehen können - wobei ich das jetzt nicht so wirklich als Ansporn nehme den Abgang mit "Glück" zu umschreiben :oops:

Wenn man es so schreibt und liest, tönt es irgendwie schräg, wenn's einem selber passiert geht's einfach nur super schnell. Wusch- Zag - Flatter- Booom. Und genau so geht es sehr vielen welche unfreiwillig runterkommen (mal Klapper, mal Leinen im Baum, mal sonst irgend ein Mist bis hin zu einem Kabel welches halt dann doch genau da hängt wo man es nicht erwartet hat). Bei vielen geht es gut (nette Bäume :lol: ) bei anderen leider völlig schief https://www.blick.ch/news/schweiz/ostsc ... 57589.html und manchmal ist es leider dann auch der letzte Unfall welcher der Pilot je erleben musste. Trotzdem sind jedes Wochenende tausende Piloten unterwegs und wenn man es statistisch betrachtet sind die "Zwischenfälle" erstaunlich wenig, da hat die Schirmentwicklung und die Ausbildung keinen unwesentlichen Anteil dran (nur weil ich lange fliegt, heisst das ja nicht, dass ich es wirklich kann - ich bleibt da einfach der Wochenend-Plauschflieger, Stress und Planung hab ich im Büro mehr als genug).

Wenn die Lösung lautet nur noch mit einer Hand am Notschirm zu fliegen, dann macht es irgendwie auch keinen Spass. Helfen tut aber auf jeden Fall ein (besser mehrere!) Sicherheitstrainings wo man lernt sich schon mal aus kritischen Situationen wegzuhalten (da gibt es nichts zu beschönigen, da wo ich geflogen bin, gehörte an dem Tag einfach keiner hin!) und wenn's denn schief geht nicht nur auf die Reflexe zu vertrauen (hat ja auch fast geklappt, noch 30-50 Höhenmeter mehr und ich wäre weitergeflogen wie schon immer, wäre einfach nur mal wieder der Beweis gewesen das Hochleister doch schon mal ganz schön zicken können) sondern eben auch mal checken wie viel bzw. wenig Luft unter einem denn eigentlich noch ist und beim kleinsten Zweifel halt den Griff zu ziehen wo der Notschirm dran hängt. Selbst wenn man dann noch in eine Steinlandschaft einschlägt dürfte das weitaus geringeren Schaden geben als wenn man schon nur eine völlig vertrackte Landung irgendwie hinmurksen muss wo man mit Schwung einbombt. Nebenbei: mit ein Grund weshalb ich inzwischen nicht mehr ganz so überzeugt von meinem steuerbaren Notschirm bin - aber der hat eben andere Vorteile (wie erwähnt sollte ich meine Rundkappe mal im Wallis ziehen als unten dran eine Travo-Station war - sollte man auch tunlichst vermeiden!)

Für mich inzwischen unklar: wie mir der selbe (zumindest sehr ähnliche) Fehler innerhalb von 2 Wochen 2x passieren konnte (einmal wie erwähnt Flug von Leysin nach Neuveville wo es mich kurz hinter Aigle im Talwind versenkt hat und einmal im Jura wo ich auch so weit hinter der Kante war das ich den Schleppwirbel voll abbekommen habe), so blöd kann man eigentlich nicht sein, zumal ich ja wusste, dass der Schirm etwas gross war (hatte bis zu 20 Liter Balast dabei, aber nicht bei diesen Flügen) und somit Speed gegen den (Tal-)Wind fehlte und der Schirm auf Klapper doch recht ungehalten reagierte.

Inzwischen dann deutlich abgespeckt und mittlerweile mit einem Mid-B Schirm recht glücklich (gibt schon Tage, da vermisse ich das messerschafe Handling von einem Hochleister, aber um einfach mal wieder Spass am Hausberg und drum rum zu haben reicht ein B-Schirm noch lange aus - im übrigen ist dazu gerade ein guter Beitrag im Glider erschienen).

Kurz: Gedanke an Notschirm war leider nie da (ich vermute das liegt auch daran, dass ich vorher 3 Jahre lang gar keinen hatte, hab mir so ein Ding erst für den Competition-Schirm zugelegt), an was genau das gelegen hat, lässt sich nach über 20 Jahren nicht mehr erruieren. Sehr beruhigend für den Kopf war das Notschirm-Training , da sieht man wie cool es tatsächlich geht, wenn man an dem Ding zum Wasser runterschwebt. Seitdem taste ich doch ab und zu schon mal nach dem Griff - und bin doch immer wieder erstaunt das ich ihn NIE auf Anhieb treffe :roll: - wäre wohl irgendwie doch mal wieder an der Zeit ein Training zu buchen :oops:

Nebenbei: ich bin lange Jahre nur sehr wenig geflogen, hatte sogar mal alles für 3 Jahre verkauft (war auch nicht besser, bin dann Wüsten-Rallyes mit dem Motorrad gefahren wo es mich zerlegt hat, ist gesünder beim Reisen zu bleiben und eben wieder mal gemütlich zu Hause fliegen zu gehen). Die ersten Flüge in der Saison sind immer etwas mühsam (nach 6 Monaten Pause fliegt man einfach grottig - was aber angesichts der Unfallberichte nicht nur mir so geht), aber sobald man mal wieder ein paar super Flüge gemacht hat und der Popo-Meter mal wieder mit den Fingerspitzen geeicht ist, freu ich mich schon wieder auf schöne lange Flüge und den Kitzel ob man es doch wieder mal bis an die Thermik-Decke schafft wo man mal wieder eine schöne Querung anhängen kann um an Flanken zu fliegen welche man bisher nur von weitem sehen konnte.

In dem Sinne: auf eine erfolgreiche, schöne - und natürlich unfallfreie Saison 2018!

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